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Wiesbadener Tagblatt /Samstagsgespräch

Samstagsgespräch Helmut Fritz mit dem Wiesbadener Tagblatt

 

Wiesbadener Sportkreisvorsitzender Helmut Fritz: Sport hat in Hessen Verfassungsrang

22.12.2012 - WIESBADEN

Von Heinz-Jürgen Hauzel

Andernorts im Lande schrillen bei den Sportlern längst die Alarmglocken. In Bonn und Darmstadt machen die Vereine mobil gegen die Kürzungen im Sportetat der Städte - und sie machen die Gegenrechnung auf, was den Kommunen die Kultur im Vergleich immer noch wert ist.

Im Rheingau-Taunus-Kreis wird schon überlegt, wie die Hallennutzungsgebühr zu verhindern ist. „Und auch in Wiesbaden wird die Aufforderung aus dem hessischen Finanzministerium, mit den freiwilligen Leistungen zurückhaltend umzugehen, nicht mehr lange ignoriert werden können“, fürchtet zumindest Helmut Fritz, der Sportkreisvorsitzende in der Landeshauptstadt.

„Nur nicht bei uns“

„Ich bin nicht so engstirnig zu sagen: Ihr dürft überall sparen, nur nicht bei uns.“ Natürlich werde immer wieder richtigerweise behauptet, dass „der Sport ein tragendes Element, der Kitt der Gesellschaft“ sei, aber „wir werden, wenn‘s ans Sparen geht, nicht ungeschoren davonkommen“, weiß der Biebricher Sozialdemokrat und bekennt: „Es gibt andere Lebensbereiche, die lebensnotwendiger sind.“

Die Linie des Sportkreises Wiesbaden liegt im bevorstehenden Verteilungskampf nahe der untersten Grenze: „Wir werden darauf achten, dass die Kürzungen so moderat ausfallen, dass die Vereine nicht in ihrer Existenz bedroht werden.“ Wobei Helmut Fritz daran erinnert, dass es durchaus lohnenswert sein könnte, zu diskutieren, ob Zuschüsse oder etwa die kostenlose Überlassung von Sportstätten in Hessen überhaupt noch als „freiwillige Leistung“ betrachtet werden dürfen, nachdem der Sport im Land in den Verfassungsrang gehoben wurde. „Ist es dann nicht vielmehr eine Pflichtaufgabe?“, fragt Helmut Fritz angesichts der möglichen Interpretation, dass es einem Verfassungsbruch gleichkommt, wenn der Sport nicht unterstützt wird.

Der im Frühjahr neu gewählte Sportkreisvorstand versuche den Vereinen zu helfen, wo immer es geht. Nachdem die Satzung geändert wurde, der Sportkreis nun im Range eines eingetragenen und als gemeinnützig anerkannten Vereins besteht, verfügt er über einen eigenen Etat und muss nicht mehr dem Landessportbund, sondern seinen Mitgliedern Rechenschaft ablegen. „Als Erstes haben wir, was mir schon immer am Herzen lag, 2500 Euro bereitgestellt, um Vereinen in besonderen Notfällen helfen zu können“, erklärt Fritz wohl wissend, dass das dem Sportkreis nur in sehr bescheidenem Maße möglich ist. „Ansonsten haben wir uns reingehängt, wo‘s notwendig und sinnvoll war.“

So berichtet er von seinen Bemühungen, für Vereine, die für herausragende Ereignisse einen besonderen Veranstaltungsraum brauchen, Sonderkonditionen für die Nutzung von Kurhaus und Rhein-Main-Halle zu erreichen - und hat sowohl bei Oberbürgermeister Helmut Müller als auch bei Stadtrat Detlev Bendel auf Granit gebissen. „Das Kurhaus kostet 12 000 Euro plus Tischdecken... Das ist ein Unding“, sagt Fritz. Wobei er den Imagegewinn für die Stadt etwa bei der Durchführung eines internationalen Tanzturniers durch den TC Blau-Orange durchaus höher schätzt als bei dem „Vortrag irgendeines Professors, der aber natürlich das Geld hat für die Saalmiete“.

Bislang werde der Kostenaufwand für Vereine auf Antrag per Zuschuss vom Sportamt gemildert, bekennt Fritz, hält das Verschieben eines Betrages von einer städtischen Kasse in die andere aber für Blödsinn. „So etwas kann sich nur ein Betriebswirtschaftler einfallen lassen.“ Noch dazu sieht der Sportkreisvorsitzende „diesen Pott beim Sportamt“ angesichts der zu erwartenden kommunalen Einnahmen-Entwicklung „im höchsten Maße gefährdet“.

16 Uhr Schulschluss

Ein anderer Knackpunkt, den Helmut Fritz benennt, sind die Nutzungszeiten für Hallen und Plätze, wo die Sportstätten von Schulen und Vereinen gemeinsam genutzt werden. Schulen machen immer öfter am fortgeschrittenen Nachmittag Platzansprüche geltend. „Es ist unbestritten, dass Schulen Vorrang haben, aber vielleicht ist da wenigstens ein bisschen mehr Sensibilität möglich.“ Er hofft nun, dass er mit dem Anliegen bei Dezernentin Rose-Lore Scholz, „die immer ein offenes Ohr für uns hat“, durchgedrungen ist und ein Gespräch mit Schulleitern oder besser noch Schulsportreferenten zustande kommt.

Alle Probleme wären mit einem Schlag vom Tisch, wenn eine Forderung des Landessportbundes endlich anerkannt würde, dass nämlich Schulunterricht grundsätzlich um 16 Uhr endet. Genau das hatte die neue Kultusministerin Nicola Beer bei ihrem Amtsantritt für sich zum Programm erklärt, später - brieflich von Fritz um Bestätigung gebeten - jedoch relativiert: „Das sei wünschenswert, aber alles nicht so leicht umzusetzen“, fasst der Wiesbadener Sportkreisvorsitzende die Antwort der Ministerin zusammen. Nicht nur wegen der Platznutzung hält er die Durchsetzung der LSB-Forderung für existenziell: „Wer bis halb sechs oder gar sechs in der Schule ist, geht anschließend nicht mehr in den Verein. Und das gilt für Lehrer wie für Schüler.“

Dickes Lob für den OB

Fritz klagt auch über die zunehmend „überbordende Bürokratie“, denen sich die Vereine als Veranstalter ausgesetzt sehen und über „fast hysterische Brandschutzauflagen“. Doch schließt er versöhnlich. Nach dem zweiten Projekt zur Übungsleiterausbildung für Aspiranten aus dem Kreis der Langzeitarbeitslosen gesteht er: „Anfangs gab es Verwerfungen, und wir waren alle sehr skeptisch. Aber es ist wirklich gut gelaufen. Von 20 Teilnehmern sind am Ende zehn in ein festes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gewechselt, das mehr oder weniger in und mit Verbindung der Vereine zustande gekommen ist.“

Die kommunale Arbeitsvermittlung hat gejubelt. „Eine Erfolgsquote von 50 Prozent gibt es ganz selten.“ Manche der Projektteilnehmer seien nun in den Vereinen, denen Fritz für ihr Engagement besonders dankt, ehrenamtlich tätig. „Übungsleiterausbildung und Vereinsarbeit sind jedenfalls deutlich wirkungsvoller als der dritte Computerkurs“, ist Fritz überzeugt. „Ich muss dem Oberbürgermeister im Nachhinein für die Idee und die Realisierung ein dickes Lob aussprechen.“

 

Link zum Original Bericht im Tagblatt